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Depeschen mit dem Leitwort Kriminalliteratur

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Freuden des Krimi-Depeschen-Dienststellenleiters: Bei den nächtlichen Streifzügen durch dieses Internet bin ich über ein mir bislang unbekanntes Goldstück gestolpert.

Die schottische Kriminalschriftstellerin Denise Mina hat sich auf die Spuren von Edgar Allan Poe begeben. Sie zeichnet sein Leben, sein Werk und sein Verhältnis zu Frauen nach. Denise Minas Kunst des Erzählens, die mir unter anderem in ihrem Roman The End of the Wasp Season so gefiel, wird auch in dieser TV-Dokumentation deutlich, die 2010 erstmals von BBC Four ausgestrahlt wurde. Eine junge, moderne Kriminalschriftstellerin entdeckt einen alten Meister – ein sehenswertes Biopic.

Via Women in Detective Fiction

Schüler

Liebe Lesende, lieber Lesender,

das Depeschieren von kriminalliterarischen Dingen ist ein rauschhaftes Fest und Vergüngen. Texte, Töne und Bilder flitzen an mir vorbei, werden aufgenommen, verarbeitet und mit den besten Wünschen weiterempfohlen. Innehalten gilt nicht, denn schon morgen könnte die Depesche von heute veraltet sein. Und das in Zeiten, in denen alle von Nachhaltigkeit schnattern.

Lehrerzimmer und Pausenhof

Gönne ich mir- und wenn Sie mir erlauben, auch Ihnen – einen Moment, eine Minute, einen Atemzug. Ich halte inne und schaue mich um. Vor einigen Tagen erreichte mich ein elektronischer Brief mit der Bitte, mich an dieser Umfrage zu beteiligen. Es ist gut, nachzufragen. Es ist gut, hinzuschauen, was da passiert. Innehalten.

Die Beantwortung der Fragen zwang mich, wieder hinzuschauen. Warum mag ich ich vieles im englischsprachigen Feuilleton und in englischsprachigen Blogs – und warum ist das deutschsprachige Feuilleton in weiten Teilen so langweilig und ignoriert kaltschnätzig die wunderbaren, deutschsprachigen Literaturblogs? Die Antworten sind schnell im Kopf. Das deutschsprachige Feuilleton sieht seine Hauptaufgabe darin, Texte abzuliefern. Genau in diesem mechanischen Sinn: Texte abliefern. Leider auch in den Online-Versionen: Texte, Texte, Texte. In der Regel sind es Bewertungen, Urteile, Kritik. Literatur wird bewertet – das ist die Aufgabe des Kritikers. Der deutschsprachige Kritiker ist kein Literaturvermittler, eher ein Literaturlehrer, versteckt im Lehrerzimmer, wo er lieber das Gespräch mit seinen Kollegen sucht und die anstrengenden Schüler auf den Pausenhof schickt. Den Satz mit den Ausnahmen kennen Sie und mit Ihren möglichen Erinnerungen an trübe Deutschstunden, die Ihnen fast die Lust an der Literatur genommen haben, lasse ich Sie diesmal alleine.

Spiel mit mir!

Ausgeblendet bleibt im deutschen Feuilleton die Lust an der Literatur, die Lust am Denken, die Sinnlichkeit der Ideen, die Farbe der Bilder. Analyse und Textarbeit müssen sein – aber sie sind nur ein Teil. Dazu gehört auch das lustvolle Schwelgen in Texten, in Atmosphäre, in Sinnlichkeit, das Leben in Bildern. Warum darf ich nicht mit fiktionalen Texten spielen – in meinem Kopf, in meinen Blogs, in meiner Twitter-Zeitleiste?

Glorifizierung des englischsprachigen Feuilletons ist keinesfalls angebracht, aber dort gibt es diese sinnlichen Ecken, diese Momente des Schwelgens, die Lust am Spiel mit der Literatur. Es sind Kolumnen, wie etwas das „ReReading“ der Werke von Stephen King, die zeigen, warum die Beschäftigung mit „alten“ Autoren und ihren Büchern viel Freude bereiten kann. Können Sie sich eine solche Kolumne bei der Zeit, bei der FAZ oder bei der Süddeutschen vorstellen?

Rausch und Respekt

Es sind englischsprachige Podcasts, in denen Autoren die Texte anderer Autoren vortragen. Texte, die sie selbst ausgewählt haben und die eine Bedeutung für sie haben. Es sind visuelle Schaustücke, Galerien, Infografiken, die für Augenschmaus sorgen und Literatur sichtbar machen. Selbstredend haben gute, feuilletonische Texte diese Kraft in sich, warum aber diese nicht unterstützen, wo es sinnvoll erscheint. Regelmäßig verliebe ich mich etwa in Buchillustrationen – warum tun das deutschsprachige Feuilletonisten nicht? Und warum wird so wenig auf Typographie, auf ansprechendes Layout und auf klare Gliederung geachtet? Weil es Literatur ist, die wir sowieso nicht achten – sondern akademisch verwalten?

Vielleicht ist es auch das: Die Nicht-Achtung von Literatur, die Respektlosigkeiten den Texten, den Autoren, den Übersetzern, den Grafikern, den Buchmenschen gegenüber.

Damit stürze ich mich wieder in meinen Leserausch und Lektürestream. Ihnen, liebe Lesende, lieber Lesender, wünsche ich einen respektvollen und rauschhaften Lektüretag,

Ihr
Krimiblogger
– Krimi-Depeschen-Dienststellenleiter –