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»Halt«, warf Krimi-Autor Frank Göhre ein, »was sind denn überhaupt die Kriterien für einen guten Krimi?« Eine Frage, über die sich nicht ohne Weiteres ein Konsens herstellen lässt, – dazu ist das Spektrum der Spannungsliteratur zu breit und sich die Ansprüche zu verschieden.

Michael Roesler-Graichen

Beim Börsenblatt berichtet Michael Roesler-Graichen über den ersten Tag der Veranstaltung Krimis machen, die vom 12. bis zum 13. April 2013 in Berlin stattfand.

»Weil „Krimis“ durch Überproduktion und oft alberne Selbstdarstellung sich selbst marginalisieren, werden die Plätze im Print rarer und die Krimi-Communitys im Netz letztlich nur Fanbase.«

Thomas Wörtche in seinem Artikel „Fromme Argumente“ bei boersenblatt.net.

Einer der dümmsten und arrogantesten Sätze, die ich im Zusammenhang mit der „Diskussion“ um „Kriminalliteratur“ seit längerer Zeit gelesen habe. Welche Verachtung spricht aus diesem Satz gegen über der „Fanbase“. Hat Herr Wörtche – „Krimiexperte“ – bis heute nicht begriffen, dass jede Art von Genreliteratur vor allem Fanliteratur ist? Dass es die Fans waren und sind, die diese Literatur tragen, kaufen, fördern, über sie diskutieren. Sie sind es, die den literarischen Diskurs – in Foren, in Blogs – führen. Was auf dubiosen und arg geschmäcklerischen Bestenlisten selbsternannter Kritiker stattfindet, interessiert Fans nur, wenn es denn wirklich gute Krimis sind.

Und bei seinem Blick auf die immer rarer werdenden Plätze im Print hat Herr Wörtche wohl das Fernglas verkehrt herum gehalten: Krimi hat so gut wie nie in der deutschsprachigen Printlandschaft ernsthaft stattgefunden. Erst die einsetzende Begeisterung und Beschäftigung der Fans im Netz Ende der 1990er Jahre hat dazu geführt, dass Zeitungsredakteure – nach einer Ewigkeit – auf diesen Zug aufgesprungen sind. Aber jetzt, wo Print stirbt und Feuilletonisten sich sowieso ihre „Skandale“ lieber selbst schreiben, rennen diese Kritiker ins Netz und wollen dort den Fans vorschreiben, was und wie sie Krimis zu lesen haben. Noch alberner wird das alles, wenn man sieht, dass solche Krimikritiker es bis heute nicht geschafft haben, eine eigene, spezifische Literaturkritik für das, was wir alle Krimi nennen, zu entwickeln. Da wird Kriminalliteratur mit Kriterien bewertet („Don Winslow ist der neue Tolstoi“), die an der Eigenart der Genreliteratur völlig vorbei gehen.

„Überhaupt sollten Autoren möglichst „repräsentabel“ sein, so Kluges Fazit.“ So also macht man in der bunten Welt der Verlage Karriere. Ob sich Autoren gute Geschichten ausdenken können, ob sie diese womöglich gut schreiben können – all das ist nicht so wichtig, wenn es nach Klaus Kluge geht. Der Herr ist Geschäftsführer des Bastei-Lübbe-Verlags und sprach beim Berufsschulblock des mediacampus vor angehenden Buchhändlerinnen beiderlei Geschlechts. Natürlich: Spannung boomt. Und künftig will man bei dem Kölner Traditionshaus weg von den ausländischen Autoren (70 bis 75% der Autorenschaft) und mehr deutsche Schreiberlinge verlegen. Nicht etwa, weil deutsche Autoren – und damit auch Krimiautoren – besser erzählen oder schreiben könnten. Nein, deutsche Autoren wären für den Verlag wichtig, „weil diese im Zeichen von Social Media besser mitwirken können“.

Das sind doch sonnige Aussichten für angehende Möchtegern-Autoren: Finde viele Follower, Freunde und Verfolger bei Twitter, Facebook und Google+, dann haste auch eine Chance auf eine Veröffentlichung bei Bastei Lübbe. Schade wäre ja nur, wenn die Leser vor lauter Social Media überhaupt nicht mehr zum Bücherlesen kommen. Oder lieber zu den selbstverlegten E-Books bei Amazon & Co. greifen…