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Thomas Hitzlsperger

Was es bedeutet, schwul zu sein

Ein Coming Out

So viel Lob und Beifall für Thomas Hitzlsperger, der am 8. Januar 2014 der Öffentlichkeit mitgeteilt hat, dass er »lieber mit einem Mann zusammenleben möchte«. Viele der Reaktionen sind sicher ehrlich gemeint, manches davon erscheint verlogen und manche sind – nach wie vor – hochgradig homophob.

Auch bei meinen Freunden und Bekannten gab es dazu Reaktionen: »Was geht es mich an, mit wem Herr Hitzlsperger ins Bett geht?«, »Schlimm, dass im Jahre 2014 darum immer noch so ein Aufruhr gemacht wird, bei einer Sache, die doch eigentlich niemand etwas angeht, die doch ganz normal sein sollte«. Wohlwollende Aussagen, die etwas als »normal« hinstellen möchten, was es schlicht nicht ist. Denn Herr Hitzlsperger ist – wie etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung – anders, er liebt Männer und gehört damit zu einer »sexuellen Minderheit«. Eine Formulierung, die eher an Krankheit als an ein zutiefst menschliches Grundbedürfnis erinnert.

Fangen wir doch bitte an, ehrlich zu uns zu sein. Selbstverständlich möchte ich wissen, mit wem Herr Hitzlsperger ins Bett geht, welchen Mann er an seiner Seite hat. Gebt mal bei Google »Thomas Hitzlsperger« ein, und schaut, welche häufigen Suchanfragen Euch Google als Vorschläge bietet. »Thomas Hitzlsperger privat«, »Thomas Hitzlsperger neue freundin«, »Thomas Hitzlsperger Freundin«. Selbstverständlich interessieren wir uns als Menschen für das Leben anderer Menschen. Und da gehört die Sexualität des anderen Menschen dazu. Das hat nichts mit Voyeurismus zu tun, sondern mit einem aufrichtigen Interesse an einem anderen Menschen, von dem ich mir gerne ein Bild machen möchte.

Millionen von Menschen heiraten, vor Familie und Freunden legen sie ein Bekenntnis zu einem anderen Menschen ab. »Schaut! Dies ist der Mann, dies ist die Frau, den/die ich liebe, mit dem/der ich zusammenleben möchte, möglichst bis ans Ende meiner Tage. In guten wie in schlechten Zeiten«. Millionen Menschen tragen Ehe-, Verlobungs- oder Freundschaftsringe, die täglich daran erinnern, dass es da einen ganz besonderen Menschen im Leben gibt.

Eine Grundverletzung

Unsere Sexualität, unsere Liebe – sie gehören elementar zu unserem menschlichen Wesen, sie bestimmen unsere Persönlichkeit. Und erst wenn wir uns das ehrlich eingestehen, uns damit beschäftigt haben, erst wenn wir uns selbst bestimmt haben, wenn wir uns selbst gefunden haben, wenn wir unsere Persönlichkeit erkannt haben, erst dann kann es möglicherweise eine Zeit geben, in der es gleichgültig sein mag, ob jemand lieber mit einer Frau, einem Mann oder gar mit beiden Geschlechtern sexuell zusammen ist.

Schwule Männer durchleben, wenn sie ihr Coming Out haben, eine »Grundverletzung«. So hat es der Autor Fritz J. Raddatz in einer TV-Dokumentation über schwule Literatur genannt. Jeder schwule Mann, der sich Gedanken über seine sexuelle Orientierung macht, durchlebt einen schmerzhaften Prozess. Es ist die Erkenntnis, »das ich anders als andere bin«. Und es ist ein Anders-Sein, dass uns in unseren tiefsten Wesen berührt, erschüttert, verunsichert, manchmal vielleicht auch verzweifeln lässt. Kein heterosexueller Mensch wird diese Grundverletzung wirklich nachspüren können, schließlich lebt er das, was die überwiegende Mehrheit ihm vorlebt. Es gibt nach wie vor tausendmal mehr heterosexuelle Liebes- und Familiengeschichten in dieser Welt zu erzählen. Aber wenn Du, lieber heterosexueller Leser, liebe heterosexuelle Leserin, schwule oder lesbische Freunde und Freundinnen hast, dann wisse bitte um diese Grundverletzung.

Die Worte von Thomas Hitzlsperger zeigen, dass diese Grundverletzung – das Coming Out – auch später im Leben eintreten kann. Ich habe Männer kennengelernt, die über 60 Jahre alt waren, ein erfülltes Leben als Familienväter gelebt haben, und erst dann feststellten, dass sie sich zu Männern hingezogen fühlen. Ich bin glücklich und dankbar, dass ich mir schon als Kind – unbewusst natürlich – klar darüber war, dass ich Männer liebe, das ich anders bin. Meine Grundverletzung war schmerzhaft: Mein Coming Out hatte ich Anfang der 1980er Jahre, im Sauerland, in einer erzkatholisch geprägten Umgebung. Schwule gab es nicht – und wenn, dann waren sie abscheuliche Kinderschänder. Hinzu kam die apokalyptische Aids-Hysterie. Das erste, was ich via SPIEGEL und TV lernte: Wenn Du Sex mit einem anderen Mann hast, wirst Du elendig sterben und in der Hölle schmoren. Sich aus diesen Ängsten zu befreien, sich zu lösen von all jenen Zwängen und Vorurteilen, das erfordert Stärke, Kraft, Wissen und vor allem Mut.

Willkommen in der Menschenfamilie!

Wenn Ihr also jemanden in Eurem Freundeskreis habt, von dem Ihr annehmt er sei schwul, sie sei lesbisch – geht behutsam mit ihm oder ihr um. Wir alle sind verletzlich, wenn es um einen wichtigen Teil unserer Persönlichkeit, um unsere Liebe, um unsere Sexualität geht. Das macht uns zu Menschen.

Bücher haben mir, neben wenigen, wirklich guten Freunden, bei meinem Coming Out geholfen. Armistead Maupin hat im zweiten Band seiner
Stadtgeschichten seine schwule Figur Michael Tolliver einen Coming-Out-Brief an seine Mutter verfassen lassen. Es sind schlichte, für mich immer noch fesselnde Worte. Ich möchte sie zitieren, weil sie das widerspiegeln, was ich fühle und denke:

»Nein, Mama, ich bin nicht »angeworben« worden. Kein gereifter Homosexueller hat sich als mein Mentor betätigt. Aber, weißt du was? Es wäre schön gewesen, hätte es einer getan. Es wäre schön gewesen, hätte mich einer, der älter war als ich und verständiger als die Leute in Orlando, zur Seite genommen und mir gesagt: »Du bist völlig in Ordnung, Junge. Wenn du mal groß bist, kannst du genauso Arzt oder Lehrer werden wie alle anderen. Du bist weder verrückt noch krank und auch nicht verdorben. Du kannst Erfolg haben und glücklich werden und deinen Frieden finden bei Freunden, das heißt, bei allen möglichen Freunden und Freundinnen, die sich einen Dreck darum kümmern, mit wem du ins Bett steigst. Was aber das Wichtigste ist: Du kannst lieben und geliebt werden, ohne dich dafür zu hassen.«

(…)

Ich weiß, dass es euch schwerfallen wird, das zu glauben, aber in San Francisco gibt es eine Unmenge von Männern und Frauen – und zwar sowohl Heteros als auch Homos -, die überhaupt nicht an die Sexualität denken, wenn es darum geht, den Wert eines Menschen zu bestimmen.

Das sind alles keine Radikalen oder Verrückten, Mama. Es sind Verkäuferinnen und Bankangestellte und kleine alte Damen und Leute, die einem zunicken und einen anlächeln, wenn man ihnen im Bus begegnet. Sie behandeln dich weder herablassend noch mitleidig. Und ihre Botschaft ist so einfach: Ja, du bist eine Persönlichkeit. Ja, ich mag dich. Ja, es ist völlig in Ordnung, wenn du mich auch magst.

(…)

Das Schwulsein hat mich gelehrt, tolerant, mitfühlend und bescheiden zu sein. Es hat mir die unbegrenzten Möglichkeiten des Lebens aufgezeigt. Es hat mir Leute zugeführt, die mir mit ihrer Leidenschaft, Zuneigung und Sensibilität zu einem immerwährenden Quell der Kraft geworden sind.
Es hat mich in die Menschenfamilie eingeführt, Mama, und zu der gehöre ich gern. Ich gehöre gern dazu.«Armistead Maupin: Mehr Stadtgeschichten. – Aus dem Englischen von Heinz Vrochota. – Hamburg: Roger& Bernhard, 1993. S. 256 ff

Passt auf Euch auf!
Ludger

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  1. Januar 9, 2014

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