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Es war einmal eine wandlungsfähige Textarbeiterin, die hieß Cora Stephan. Eigentlich wähnte man sie auf einer immerwährenden Teeparty, wo sie Dauerwerbung für ihr lustiges Büchlein über eine abgehalfterte Kanzlerin machte. Dann aber tauchte sie im Märchenwald „Feuilleton“ auf, wo sie etwas über Krimi schrieb. In früheren Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, hatte sie diesen Krimi-Kram in der Regel ihrem Alter Ego, Anne Chaplet, überlassen, weil ernsthafte Publizistinnen natürlich nicht unter ihrem guten, bürgerlichen Namen Texte über Krimischund veröffentlichen.

Aber smarte Textarbeiterinnen wie Frau Stephan sind voll dynamisch und flatterhaft im Wind. „Renaissance des BritCrime“ heißt der Artikel bei welt.de. Vorgestellt wird darin die britische Schriftstellerin Kate Atkinson und ihr gerade auf Deutsch erschienener Roman „Started Early, Took My Dog“ („Das vergessene Kind“). Die deutsche Übesetzung bekommt – gerechtfertigt oder nicht – ihr Fett weg und der dämliche deutsche Titel ebenfalls. Ansonsten teilt Textarbeiterin Stephan reichlich Lob aus. Märchenhaft! Aber siehe da, schon droht Ungemach. Denn Frau Stephan versucht sich in literaturhistorischer Einordung des Begriffs „BritCrime“, stolpert über Stock und Stein, um schließlich gepflegt auf die Fresse zu fallen.

Das beginnt schon im ersten Absatz ihres liebreizenden Artikels. Wer Sätze wie „Weil frühe Lektüre von Agatha Christie- und Edgar Wallace-Schmökern in dürftigster Übersetzung uns die Lust am Stoff aus dem Mutterland des Kriminalromans verdorben hat?“ im Jahre 2011 schreibt, offenbart, dass er entweder keine Ahnung von Kriminalliteratur und ihrer Geschichte hat oder einfach mit Phrasen wie „Mutterland des Kriminalromans“ rumschlampt. Noch verräterischer der nachvollgende Satz: „Oder weil, ganz im Gegenteil, Generationen von Krimilesern durch die politisch korrekte Schule von Sjöwall/Wahllöös Politkrimis gegangen sind, wo die Welt schön handlich in die da oben, wir da unten aufgeteilt ist? „ Da hat jemand aber ganz furchtbar in der Krimischule gepennt und seinen Kommissar Beck schlicht nicht gelesen.

„BritCrime“, so liest sich das bei Frau Stephan, hat was mit Agatha Christie und Dorothy Sayers zu tun. Ist zwar auch gelogen, aber immerhin sind es zwei Engländerinnen. Drollig wird es dann,wenn Frau Stephan Martha Grimes und Elizabeth George ins Feld führt, weil die ja auch adeliges Personal vorhalten. Bekanntlich sind beide Autorinnen US-Amerikanerinnen und haben mit „BritCrime“ nun aber so gar nichts zu tun. Grimes und George verfassen Klone in der Machart der „alten britischen Krimischule“, aufgehübscht mit ein wenig Plastik, Fastfood und rauchenden Frauen.

Hätte sich Frau Stephan ernsthaft mit „BritCrime“ auseinandergesetzt, wären ihr sicher so Autorennamen wie Derek Raymond, Julian Rathbone, John Harvey, Jake Arnott, Liza Cody oder Cathi Unsworth über den Weg gelaufen. Und spätestens dann hätte sie erkannt, dass es ein Lable wie „BritCrime“ gar nicht gibt und alles nur erfunden ist. Immerhin, über Reginald Hill und David Peace ist sie gestolpert. Aber kaum schreibt sie über Peace, legt sie sich so richtig hin. Aus dessen „Red Riding Quartett“ wird bei Frau Stephan kurzerhand das „atemberaubene ‚Red Riding Hood'“, was in der Tat atemberaubend ist, denn was dieses Rotkäppchen nun wiederum mit „BritCrime“ zu tun hat und was an den kolportageartigen Gedankenfetzen eines David Peace „atemberaubend“ sein soll, wird für immer ein Geheimnis bleiben.

Uns so endet sie auch schon, die Geschichte vom Rotkäppchen Cora Stephan, das sich im Wald verlaufen hat. Wenn es nicht der böse Wolf erwischt, dann irrt es sich auch noch heute.

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