Info

Schüler

Liebe Lesende, lieber Lesender,

das Depeschieren von kriminalliterarischen Dingen ist ein rauschhaftes Fest und Vergüngen. Texte, Töne und Bilder flitzen an mir vorbei, werden aufgenommen, verarbeitet und mit den besten Wünschen weiterempfohlen. Innehalten gilt nicht, denn schon morgen könnte die Depesche von heute veraltet sein. Und das in Zeiten, in denen alle von Nachhaltigkeit schnattern.

Lehrerzimmer und Pausenhof

Gönne ich mir- und wenn Sie mir erlauben, auch Ihnen – einen Moment, eine Minute, einen Atemzug. Ich halte inne und schaue mich um. Vor einigen Tagen erreichte mich ein elektronischer Brief mit der Bitte, mich an dieser Umfrage zu beteiligen. Es ist gut, nachzufragen. Es ist gut, hinzuschauen, was da passiert. Innehalten.

Die Beantwortung der Fragen zwang mich, wieder hinzuschauen. Warum mag ich ich vieles im englischsprachigen Feuilleton und in englischsprachigen Blogs – und warum ist das deutschsprachige Feuilleton in weiten Teilen so langweilig und ignoriert kaltschnätzig die wunderbaren, deutschsprachigen Literaturblogs? Die Antworten sind schnell im Kopf. Das deutschsprachige Feuilleton sieht seine Hauptaufgabe darin, Texte abzuliefern. Genau in diesem mechanischen Sinn: Texte abliefern. Leider auch in den Online-Versionen: Texte, Texte, Texte. In der Regel sind es Bewertungen, Urteile, Kritik. Literatur wird bewertet – das ist die Aufgabe des Kritikers. Der deutschsprachige Kritiker ist kein Literaturvermittler, eher ein Literaturlehrer, versteckt im Lehrerzimmer, wo er lieber das Gespräch mit seinen Kollegen sucht und die anstrengenden Schüler auf den Pausenhof schickt. Den Satz mit den Ausnahmen kennen Sie und mit Ihren möglichen Erinnerungen an trübe Deutschstunden, die Ihnen fast die Lust an der Literatur genommen haben, lasse ich Sie diesmal alleine.

Spiel mit mir!

Ausgeblendet bleibt im deutschen Feuilleton die Lust an der Literatur, die Lust am Denken, die Sinnlichkeit der Ideen, die Farbe der Bilder. Analyse und Textarbeit müssen sein – aber sie sind nur ein Teil. Dazu gehört auch das lustvolle Schwelgen in Texten, in Atmosphäre, in Sinnlichkeit, das Leben in Bildern. Warum darf ich nicht mit fiktionalen Texten spielen – in meinem Kopf, in meinen Blogs, in meiner Twitter-Zeitleiste?

Glorifizierung des englischsprachigen Feuilletons ist keinesfalls angebracht, aber dort gibt es diese sinnlichen Ecken, diese Momente des Schwelgens, die Lust am Spiel mit der Literatur. Es sind Kolumnen, wie etwas das “ReReading” der Werke von Stephen King, die zeigen, warum die Beschäftigung mit “alten” Autoren und ihren Büchern viel Freude bereiten kann. Können Sie sich eine solche Kolumne bei der Zeit, bei der FAZ oder bei der Süddeutschen vorstellen?

Rausch und Respekt

Es sind englischsprachige Podcasts, in denen Autoren die Texte anderer Autoren vortragen. Texte, die sie selbst ausgewählt haben und die eine Bedeutung für sie haben. Es sind visuelle Schaustücke, Galerien, Infografiken, die für Augenschmaus sorgen und Literatur sichtbar machen. Selbstredend haben gute, feuilletonische Texte diese Kraft in sich, warum aber diese nicht unterstützen, wo es sinnvoll erscheint. Regelmäßig verliebe ich mich etwa in Buchillustrationen – warum tun das deutschsprachige Feuilletonisten nicht? Und warum wird so wenig auf Typographie, auf ansprechendes Layout und auf klare Gliederung geachtet? Weil es Literatur ist, die wir sowieso nicht achten – sondern akademisch verwalten?

Vielleicht ist es auch das: Die Nicht-Achtung von Literatur, die Respektlosigkeiten den Texten, den Autoren, den Übersetzern, den Grafikern, den Buchmenschen gegenüber.

Damit stürze ich mich wieder in meinen Leserausch und Lektürestream. Ihnen, liebe Lesende, lieber Lesender, wünsche ich einen respektvollen und rauschhaften Lektüretag,

Ihr
Krimiblogger
– Krimi-Depeschen-Dienststellenleiter –


Weitersagen
Email Facebook Twitter Plusone Tumblr Posterous Snailmail Pinterest

Kommentare & Reaktionen

5 Kommentare

Kommentieren
  1. Januar 29, 2013

    Rausch & Respekt: Ihr Krimiblogger sendet Ihnen eine Depesche. Am Dienstag.
    http://t.co/WkjUE6ML
    http://t.co/ra7xyN3g

  2. Die Krimileser #
    Januar 29, 2013

    Ja, eine solche ReReading-Kolumne kann ich mir durchaus in der FAZ vorstellen, denn es gab da mal was – und zwar das hier: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/simenon-staffel/simenon-staffel-1-die-verlobung-des-monsieur-hire-11056133.html. Und dann auch noch Krimi! OMG! Ganz so schlimm ist das deutsche Feuilleton also vielleicht gar nicht? Kommt wohl eher auf den Blickwinkel an. Kann aber auch sein, dass ich schon zu tief im Feuilleton-Sumpf stecke. Den gibt es, gar keine Frage. Aber trotzdem ist da auch immer ein bisserl trockener Boden irgendwo, den man als Leser jederzeit betreten kann. ;-)

  3. krimiblogger #
    Januar 29, 2013

    Stimmt, die Simenon-Kolumne von Tilman Spreckelsen in der FAZ war schön und lesenswert, wobei es – wenn ich ein korinthenkackerisch sein darf – kein “ReRead” alter Titel war, sondern begleitend zur Neuausgabe der Maigret-Krimis. Ja, und einzelne Perlen wirst Du fraglos auch immer im deutschen Feuilleton finden.

    Aber das Spielerische fehlt mir nach wie vor. Hierzulande ist man ja schon verwegen, wenn man eine Zusammenstellung von Tweets zu einem Thema veröffentlicht. Und Sümpfe sind eh spannend ;-)

  4. Die Krimileser #
    Januar 29, 2013

    Schon klar, dass das ne Neuausgabenlesebegleitung war. Ich hatte nur irgendwie in Erinnerung, dass Spreckelsen ein paar der Krimis schon früher mal gelesen hat. Ich kann mich aber auch irren. *kopf kratz*

    Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt das Spielerische auch ins deutsche Feuilleton. Die alten Herren, die alles so ernst und sich selbst noch viel wichtiger nehmen (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel) müssen erst rauswachsen oder das Atmen einstellen. Dann könnte das mit der Literatur auch lebendiger werden. Ansätze dazu gibt es überall. Solche Pflanzen müssen wachsen. Und bis es so weit ist, bleibt uns noch der spannende Sumpf. :-)

  5. krimiblogger #
    Januar 29, 2013

    Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich… äh, heute ist irgendwie mein Phrasendreschtag. Jedenfalls, was wollte ich sagen?

    Ach ja: Ich bin ja auch ein nicht mehr ganz junger Herr. Ich glaube, das hat einfach etwas mit der Einstellung zu tun. Und mit bestimmten Machtverhältnissen und der Nähe zum Leser. Das ist etwas, was dieses komische Internet möglich macht. Die Buchverlage haben das auch noch nicht alle begriffen, aber da scheint der Druck höher zu sein. Und der Feuilletonistensumpf bleibt uns ;-)

Ich freue mich über Ihren Kommentar

Einfaches HTML ist erlaubt. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Abonnieren Sie die Kommentar zu dieser Depesche per RSS